Dresdner App „Pfandpirat“ macht Pfandsammeln zur Schatzsuche – und zeigt ein Millionenproblem der Stadt
- Redaktion

- 21. Mai
- 3 Min. Lesezeit
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In Dresden hat ein IT-Manager eine App entwickelt, die Pfandsammeln spielerisch digitalisiert – und gleichzeitig ein Problem sichtbar macht, das viele Menschen im Alltag längst übersehen haben. Hinter dem Projekt „Pfandpirat“ steckt der Dresdner Sammy Zimmermanns. Seine Rechnung: Allein in Dresden gehen jeden Monat schätzungsweise rund 135.000 Euro an Pfand verloren.
Die Idee dahinter klingt zunächst fast wie ein Computerspiel. Nutzer dokumentieren gefundene Pfandflaschen und Dosen, sammeln Erfahrungspunkte, entdecken Fundorte auf Karten und treten mit anderen „Pfandpiraten“ in Wettbewerb. Doch hinter der spielerischen Oberfläche steckt ein ernstes Thema: Müll, Ressourcenverschwendung und die Frage, warum so viel Pfand überhaupt im öffentlichen Raum landet.
Der Ausgangspunkt für die App war dabei überraschend persönlich. Sammy Zimmermanns begann nach eigenen Angaben zunächst aus gesundheitlichen Gründen regelmäßig durch Dresden zu laufen. Erst fünf Kilometer täglich, später zehn. Dabei fiel ihm auf, wie viele leere Dosen und Flaschen an Straßenrändern, Haltestellen oder Parkbänken stehen gelassen werden.
„Ich war regelrecht erschrocken, wie viele das waren“, sagt er.
Aus Spaziergängen wurde schließlich Datensammlung. Und aus Datensammlung entstand eine App.
Zimmermanns, der als IT-Softwaremanager arbeitet und bereits zahlreiche Webseiten und Onlineshops entwickelt hat, nutzte KI-Tools und eigene Programmiererfahrung, um „Pfandpirat“ aufzubauen. Die Anwendung funktioniert direkt im Browser und soll das Sammeln von Pfand „entstigmatisieren“ und sichtbarer machen.
Besonders spannend finden wir dabei die Zahlen hinter dem Projekt.
Laut Umweltbundesamt verschwinden bundesweit etwa vier Prozent aller Pfandverpackungen aus dem Rücklaufsystem. Sammy Zimmermanns rechnete daraufhin hoch, wie groß dieses „Pfandloch“ für Dresden sein könnte. Seine Schätzung basiert auf Getränkekonsum, Pfandpflicht und Einwohnerzahlen – und landet bei rund 225 Millionen Euro Umsatz mit pfandpflichtigen Getränken pro Jahr allein in Dresden.
Das Ergebnis:
Rund 135.000 Euro Pfand pro Monat könnten in Dresden schlicht verloren gehen.
Aus unserer Sicht ist genau das der eigentlich interessante Punkt an dieser Geschichte. Denn „Pfandpirat“ ist weniger nur eine App über Dosen und Flaschen — sondern vielmehr ein digitales Abbild davon, wie sich öffentlicher Raum verändert.
Wir sehen seit Jahren, dass Innenstädte, Parks und touristische Bereiche zunehmend mit Verpackungsmüll, To-Go-Abfällen und Einwegprodukten belastet werden. Gleichzeitig entstehen daraus völlig neue Mikroökonomien: Menschen sammeln Pfand als Nebeneinnahme, Clubs und Festivals kämpfen mit Müllmengen und Apps wie „Pfandpirat“ machen daraus plötzlich ein Gamification-Projekt.
Für Dresden bedeutet das zweierlei:
Zum einen zeigt das Projekt, wie groß das ungenutzte Recyclingpotenzial tatsächlich ist. Zum anderen wird sichtbar, wie sehr digitale Konzepte inzwischen versuchen, gesellschaftliche Probleme spielerisch zu lösen.
Dabei wirkt vieles an „Pfandpirat“ noch wie ein Experiment. Die App entwickelt sich weiter, einige Funktionen befinden sich noch im Aufbau. Nutzer können Crews bilden, Fundorte markieren oder „Pfandspenden“ hinterlassen — ähnlich wie bei „Too Good To Go“, nur eben für Pfandflaschen.
Auch die Aufkleber mit dem Hinweis „Pfand gehört daneben“ tauchen inzwischen an vielen Dresdner Mülleimern auf. Ein kleiner Satz, der ein großes gesellschaftliches Thema berührt: Viele Pfandsammler möchten nicht im Müll wühlen müssen, nur um an ein paar Cent zu gelangen.
Genau hier bekommt die Geschichte plötzlich eine soziale Dimension.
Denn während Nachhaltigkeit häufig abstrakt diskutiert wird, zeigt „Pfandpirat“ sehr konkret, wie Umwelt, Konsum und Alltag miteinander verbunden sind. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum das Projekt derzeit so viel Aufmerksamkeit bekommt.
Aus unserer Sicht könnte daraus tatsächlich mehr entstehen als nur eine lokale Spielerei. Denkbar wären langfristig Stadtteil-Rankings, Kooperationen mit Veranstaltern oder sogar neue Datenmodelle für Stadtsauberkeit und Recycling.
Klar ist aber auch:Dass überhaupt monatlich sechsstellige Pfandbeträge im öffentlichen Raum verschwinden, sagt mindestens genauso viel über Konsumverhalten und Wegwerfgesellschaft aus wie über Recycling.
Und genau deshalb bleibt dieses Thema spannend — weit über Dresden hinaus.
Weitere Informationen zum Projekt und der App auf:
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Diskussionsfrage
Braucht Dresden mehr kreative Ideen wie „Pfandpirat“ — oder ist es eigentlich ein Armutszeugnis, dass Pfandsammeln inzwischen digital organisiert und gamifiziert werden muss?











