Gunnar Schupelius verlässt die B.Z.: Was der Abschied eines Kolumnisten über die Debattenkultur unserer Zeit verrät
- Redaktion

- 2. Juni
- 3 Min. Lesezeit
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Nach 21 Jahren und insgesamt 4.563 Kolumnen beendet der Berliner Journalist Gunnar Schupelius seine Tätigkeit bei der B.Z. Mit einer persönlichen Abschiedserklärung verabschiedete sich der langjährige Kolumnist von seinen Lesern und blickte dabei nicht nur auf seine journalistische Arbeit zurück, sondern auch auf die zunehmende Verrohung öffentlicher Debatten.
Schupelius schrieb über zwei Jahrzehnte hinweg die Kolumne „Mein gerechter Zorn“. Darin setzte er sich regelmäßig kritisch mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. In seinem Abschiedstext beschreibt er, dass er über Jahre hinweg massiv bedroht worden sei. Unter anderem berichtet er von Brandanschlägen auf sein Privatfahrzeug, persönlichen Diffamierungen und politischen Angriffen aufgrund seiner veröffentlichten Meinungen.
Der Journalist betont gleichzeitig, dass seine Kritik nie aus Ablehnung gegenüber seiner Heimatstadt Berlin entstanden sei, sondern aus Verbundenheit. Sein Ziel sei stets gewesen, Debatten anzustoßen, Widerspruch zu provozieren und unterschiedliche Sichtweisen sichtbar zu machen.
Bemerkenswert ist dabei vor allem ein Satz aus seinem Abschied: Früher sei seine Kolumne als laut, zugespitzt und aggressiv wahrgenommen worden. Heute werde sie von vielen Lesern als „Stimme der Vernunft“ beschrieben. Eine Entwicklung, die aus seiner Sicht viel über die Veränderungen der öffentlichen Kommunikation aussagt.
Zwischen Meinung und Empörung verändert sich die Medienwelt
Für uns ist diese Nachricht weit mehr als nur der Abschied eines bekannten Journalisten. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass auch Gastronomiekritiker Jürgen Dollase seine langjährige Zusammenarbeit mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beendet hat. Zwei unterschiedliche Persönlichkeiten, zwei unterschiedliche Medienhäuser – und doch weisen beide Fälle auf eine ähnliche Entwicklung hin.
Wir sehen, dass sich die Medienlandschaft zunehmend verändert. Inhalte müssen heute oft schneller, kürzer und emotionaler werden. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, während soziale Netzwerke Reichweite vor allem über Zuspitzung, Empörung und Polarisierung erzeugen.
Aus unserer Sicht geht dabei etwas verloren, das gerade für Journalismus, Gastronomie und Kultur unverzichtbar ist: die sachliche Debatte.
Wer heute differenziert argumentiert, ausführlich erklärt oder unbequeme Fragen stellt, hat es oft schwerer als diejenigen, die einfache Antworten liefern. Instagram, TikTok und Facebook haben zweifellos ihre Berechtigung. Gleichzeitig beobachten wir aber auch, dass immer häufiger Überschriften wichtiger werden als Inhalte und Emotionen stärker bewertet werden als Argumente.
Was das auch für Gastronomie und Genusskultur bedeutet
Gerade in der Gastronomie erleben wir diese Entwicklung ebenfalls. Restaurants, Hotels und Produzenten werden heute oft innerhalb weniger Sekunden bewertet. Ein kurzes Video, ein Kommentar oder eine Momentaufnahme entscheidet mitunter stärker über die Wahrnehmung als jahrelange Arbeit und Qualität.
Für Dresden bedeutet das, dass Betriebe und Gastgeber immer stärker zwischen echter Qualität und digitaler Aufmerksamkeit balancieren müssen. Sichtbarkeit wird wichtiger, doch Sichtbarkeit allein ersetzt keine Substanz.
Wir beobachten seit Jahren, dass viele Leser zwar schnell konsumierbare Inhalte erwarten, gleichzeitig aber auch nach Orientierung, Hintergrundwissen und ehrlicher Einordnung suchen. Genau dort sehen wir weiterhin die Aufgabe regionaler Medienangebote.
Kritik bleibt notwendig
Schupelius verweist in seinem Abschied auf ein Zitat von Thomas Mann: „Kritik ist der Motor des Fortschritts.“
Dieser Gedanke hat aus unserer Sicht nichts an Aktualität verloren. Kritik darf unbequem sein. Sie darf provozieren. Sie sollte jedoch immer auf Argumenten beruhen und nicht auf persönlichen Angriffen oder ideologischen Schützengräben.
Die eigentliche Nachricht hinter diesem Abschied ist deshalb nicht nur das Ende einer 21-jährigen Kolumnistenkarriere. Sie wirft die Frage auf, wie wir künftig miteinander diskutieren wollen.
Fazit
Der Abschied von Gunnar Schupelius steht exemplarisch für eine Medienwelt im Wandel. Die Geschwindigkeit steigt, die Debatten werden härter und die Aufmerksamkeit verschiebt sich zunehmend auf soziale Plattformen.
Wir sehen darin eine Entwicklung, die weit über Politik oder Journalismus hinausgeht. Auch in Gastronomie, Kultur und Tourismus werden komplexe Themen immer häufiger auf wenige Sekunden Aufmerksamkeit reduziert.
Die wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Qualität, Fachwissen und kritische Einordnung bleiben wichtig – vielleicht wichtiger denn je. Gerade weil der öffentliche Diskurs oft lauter wird.
Wir bleiben an diesem Thema dran, weil es auch für unsere Region entscheidend ist, wie Meinungen entstehen, diskutiert und bewertet werden.
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Diskussionsfrage
Brauchen Medien heute wieder mehr Raum für kontroverse, aber sachliche Debatten – oder haben soziale Netzwerke die klassische Meinungsbildung bereits dauerhaft verändert?
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