Jürgen Dollase verlässt die FAS: Warum sein Abschied mehr über die Medienkrise verrät als über Gastronomiekritik
- Redaktion

- 1. Juni
- 3 Min. Lesezeit
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Nach 25 Jahren Zusammenarbeit hat der renommierte Gastronomiekritiker Jürgen Dollase die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) nach eigenen Angaben fristlos verlassen. Als Begründung nennt der 1948 in Oberhausen geborene Journalist die „fachlich unqualifizierte Behandlung“ seiner Arbeit sowie den Wunsch, nicht länger neben Texten erscheinen zu wollen, die er als „oft unsäglich banal“ bezeichnet.
Damit endet nicht nur eine journalistische Zusammenarbeit, die seit 2002 mit der Kolumne „Hier spricht der Gast“ zahlreiche Leser begleitet hat. Der Vorgang wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die weit über die Gastronomiekritik hinausgeht.
Mehr als ein persönlicher Abschied
Dollase gehört seit Jahrzehnten zu den prägendsten Stimmen der deutschen Genuss- und Restaurantkritik. Seine Kolumnen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, den Feinschmecker oder Port Culinaire standen immer für Tiefe, Fachwissen und den Anspruch, Gastronomie nicht als Lifestyle-Thema, sondern als kulturelle Leistung zu betrachten.
Wenn jemand mit diesem Hintergrund öffentlich erklärt, er wolle nicht länger Teil eines redaktionellen Umfelds sein, das er als zunehmend banal empfindet, dann ist das mehr als eine persönliche Entscheidung.
Wir sehen darin vor allem ein Symptom einer Entwicklung, die viele Medienhäuser seit Jahren begleitet.
Die Aufmerksamkeit wird kürzer
Die Realität ist längst sichtbar.
Zeitungen verlieren Auflage. Magazine kämpfen um Reichweite. Immer mehr Inhalte werden nicht mehr gelesen, sondern lediglich überflogen.
Facebook, Instagram, TikTok und andere Plattformen haben die Art verändert, wie Informationen konsumiert werden.
Statt ausführlicher Analysen dominieren:
kurze Teaser
wenige Zeilen Text
schnelle Reels
Wischbewegungen statt Vertiefung
Die Frage lautet längst nicht mehr nur, welche Inhalte veröffentlicht werden, sondern wie lange ein Nutzer überhaupt bereit ist, sich damit zu beschäftigen.
Was wir selbst beobachten
Auch wir erleben diese Entwicklung täglich.
Unsere Generation hat noch gelernt, Zeitungen von vorne bis hinten zu lesen. Heute erleben wir immer häufiger, dass Inhalte innerhalb weniger Sekunden bewertet werden.
Dabei entsteht ein Problem:
Je kürzer die Aufmerksamkeitsspanne wird, desto schwieriger wird es, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären.
Gerade in Gastronomie, Hotellerie, Stadtentwicklung oder Wirtschaft reicht ein 15-Sekunden-Video oft nicht aus, um Hintergründe zu vermitteln.
Aus unserer Sicht wird deshalb Qualität immer häufiger gegen Reichweite eingetauscht.
Warum erfolgreiche Betriebe oft anders funktionieren
Interessant ist dabei, dass dieselbe Entwicklung auch in der Gastronomie sichtbar wird.
Viele Konzepte entstehen heute rund um Social-Media-Hypes. Große Reichweiten, spektakuläre Bilder und maximale Aufmerksamkeit zur Eröffnung.
Doch die Realität entscheidet sich meist erst Monate oder Jahre später.
Wir sehen immer wieder, dass nachhaltiger Erfolg häufig dort entsteht, wo andere Werte zählen:
Qualität
Kontinuität
Verlässlichkeit
Gastfreundschaft
Substanz
Ein Restaurant bleibt nicht erfolgreich, weil es einmal viral gegangen ist.
Es bleibt erfolgreich, weil Gäste wiederkommen.
Für Dresden bedeutet das eine wichtige Frage
Auch für unsere Region wird diese Entwicklung zunehmend relevant.
Dresden lebt von Kultur, Gastronomie, Tourismus und persönlicher Begegnung.
Wenn öffentliche Kommunikation nur noch auf maximale Aufmerksamkeit ausgerichtet wird, verlieren genau jene Inhalte an Sichtbarkeit, die Orientierung geben können.
Wir sehen deshalb einen wachsenden Gegensatz zwischen schnellen Plattformen und nachhaltigen Informationsangeboten.
Gerade deshalb beobachten wir, dass viele Leser bewusst nach ausführlicheren Beiträgen suchen, die Hintergründe liefern und nicht nur Schlagzeilen produzieren.
Warum wir diesen Weg bewusst gehen
Aus unserer Sicht ist die Entscheidung von Jürgen Dollase deshalb bemerkenswert.
Nicht, weil er eine Zeitung verlässt.
Sondern weil er öffentlich ausspricht, was viele Journalisten, Autoren und Leser längst beobachten:
Die Qualität journalistischer Inhalte gerät zunehmend unter Druck.
Wir erleben selbst, dass unsere Leser ausführliche Berichte auf unserem Blog deutlich stärker nachfragen als reine Social-Media-Teaser.
Hinzu kommt ein weiterer Wandel:
Suchmaschinen und KI-Systeme bewerten heute vor allem Inhalte mit Substanz, Fachwissen und echtem Mehrwert.
Die Zeit der reinen Klicküberschriften scheint sich bereits wieder zu verändern.
Unser Fazit
Die wichtigste Erkenntnis aus dem Fall Jürgen Dollase lautet nicht, dass ein Journalist eine Zeitung verlässt.
Die eigentliche Geschichte dahinter ist die Frage, welche Rolle Qualität, Fachwissen und journalistische Tiefe künftig noch spielen werden.
Wir sehen darin eine der zentralen Herausforderungen der Medienbranche.
Wer langfristig bestehen möchte, wird Reichweite und Qualität wieder stärker miteinander verbinden müssen.
Für Dresden, für die Gastronomie und für den Journalismus insgesamt bleibt das eine entscheidende Zukunftsfrage.
Deshalb bleiben wir an diesem Thema dran.
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Diskussionsfrage:
Brauchen Medien heute wieder mehr Tiefe und Fachkompetenz – oder haben sich die Lesegewohnheiten dauerhaft in Richtung Kurzformate verändert?











