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Dresden: Beshbarmak kämpft ums Überleben – die Geschichte begann nicht erst mit dem Umsatzeinbruch

Weitere Einordnungen und Entwicklungen der Branche findet ihr in der Dresden-Radar-Übersicht.

 Tatjana Olifirenko zu besseren Zeiten in ihrem ehemaligen Aljonuschka
 Tatjana Olifirenko zu besseren Zeiten in ihrem ehemaligen Aljonuschka

Das Restaurant Beshbarmak in der Salzgasse an der Frauenkirche kämpft um seine Zukunft. Inhaberin Tatjana Olifirenko berichtet von rund 50 Prozent weniger Umsatz gegenüber dem Vorjahr, fünf bereits gekündigten Mitarbeitern und inzwischen aufgelaufenen Schulden. Anfang Juli 2026 hat sie ihr bisheriges Aljonuschka deshalb grundlegend neu ausgerichtet: Statt russischer Spezialitäten steht nun die Küche ihrer Heimat Kasachstan im Mittelpunkt.


Wer die Entwicklung nur auf die schwierige aktuelle Lage der Gastronomie reduziert, greift aus unserer Sicht jedoch zu kurz. Wir kennen Tatjana Olifirenko und ihre gastronomische Geschichte seit vielen Jahren. Und deshalb gehört für uns zu dieser Geschichte auch, was nach Februar 2022 mit einem Restaurant passierte, das in Dresden ausdrücklich als russisches Restaurant wahrgenommen wurde.


Vom Altmarkt über die Kreuzgasse bis zur Frauenkirche

Unsere Verbindung zu Tatjana reicht zurück bis zu ihrem ersten Aljonuschka am Altmarkt. Später musste sie diesen Standort verlassen, weil der Vermieter andere Pläne mit den Räumen hatte. Das Aljonuschka zog daraufhin in die Kreuzgasse unmittelbar an der Kreuzkirche.

Dort entwickelte sich das Restaurant gut. Tatjana hatte mit ihrer Küche eine Nische gefunden: Blinis, Piroggen, Borschtsch, Soljanka und andere Gerichte aus dem Kulturraum der ehemaligen Sowjetunion.

Es war zugleich eine Zeit, in der russische Besucher für Dresden wirtschaftlich interessant waren. Die Stadt produzierte sogar ein eigenes russischsprachiges Dresden-Magazin für Gäste mit Sehenswürdigkeiten, Ausflugs- und Shoppingtipps.

Wie bedeutend dieser Markt einmal war, zeigen Zahlen, die 2026 aufgrund einer Anfrage im Dresdner Stadtrat veröffentlicht wurden: 2019 wurden 27.802 Ankünfte russischer Gäste gezählt. 2025 waren es nur noch 1.731 – ein Rückgang um rund 94 Prozent. 

Vor diesem Hintergrund war der Schritt von der Kreuzgasse an die Frauenkirche nachvollziehbar. Die Salzgasse versprach internationale Besucher, hohe touristische Frequenz und einen Standort mitten in Dresdens wichtigstem touristischen Quartier.

Dann veränderte der 24. Februar 2022 die Rahmenbedingungen fundamental.


Als aus „russisch“ plötzlich ein Problem wurde

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich nicht nur die europäische Politik. Auch das Verhältnis zu Russland wurde innerhalb kürzester Zeit ein anderes. Dresden positionierte sich klar gegen den russischen Angriff und solidarisch mit der Ukraine.

Das ist die politische Ebene. Doch die Folgen erreichten auch Menschen und Unternehmen, die für die Entscheidungen des Kreml keinerlei Verantwortung trugen.

Und genau hier beginnt ein Teil der Geschichte des Aljonuschka, der aus unserer Sicht nicht fehlen darf.

Tatjana erzählte uns damals von Anfeindungen gegen ihr Restaurant. Dass dies keine bloße Erinnerung aus heutiger Sicht ist, wird durch zeitgenössische Berichte gestützt: Bereits nach Kriegsbeginn wurde öffentlich über Drohungen, Hassanrufe und zahlreiche negative Online-Bewertungen gegen Tatjana und das Aljonuschka berichtet.

Wir finden, dass man diesen Zusammenhang benennen muss.

Ein Restaurant, das russische Küche serviert, ist keine russische Regierung. Eine Wirtin aus Kasachstan ist nicht verantwortlich für Entscheidungen in Moskau. Und ein Teller Borschtsch trägt keine politische Schuld.


Tatjana wollte eigentlich genau das Gegenteil vermitteln

Das wird besonders deutlich, wenn wir auf ein Gespräch zurückblicken, das wir selbst mit Tatjana geführt haben.

Damals sagte sie uns über ihre kulturelle Identität sinngemäß, dass ihre Kultur nicht Russland, kein Land und keine Flagge sei. Sie beschrieb vielmehr einen gemeinsamen Kulturraum, in dem Kasachen, Tataren, Usbeken, Georgier, Ukrainer und Russen miteinander verbunden sind. Dieses Interview ist bis heute auf der Restaurantseite dokumentiert.

Auch ihr damaliges Team war international zusammengesetzt. Gegenüber Medien nannte sie unter anderem Mitarbeiter aus Deutschland, Russland, der Ukraine, Italien, Eritrea und Frankreich und machte deutlich, dass Politik im Restaurant keine Rolle spielen sollte.

Gerade deshalb hat uns die damalige Entwicklung beschäftigt.

Wir sehen rückblickend einen gastronomischen Betrieb, der zwischen die Fronten einer politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung geriet, obwohl seine Betreiberin gerade das Verbindende verschiedener Kulturen leben wollte.

Das heißt ausdrücklich nicht, dass sich der heutige Umsatzeinbruch von 50 Prozent allein damit erklären lässt. Vier Jahre später wirken zahlreiche Faktoren zusammen: Kostensteigerungen, verändertes Konsumverhalten, Personalprobleme und die schwierige wirtschaftliche Situation vieler gastronomischer Betriebe.

Aber die Vorgeschichte gehört dazu.


Aus Aljonuschka wird Beshbarmak

Seit 1. Juli 2026 trägt das Restaurant deshalb einen neuen Namen. Wir hatten bereits zum Start über die Neuausrichtung berichtet: Aus dem Aljonuschka wurde das Beshbarmak Dresden.

Und eigentlich führt Tatjana damit zurück zu ihren eigenen Wurzeln.

Sie stammt aus Kasachstan und kam 2002 als Spätaussiedlerin mit ihrer Familie nach Deutschland. Beshbarmak – übersetzt etwa „fünf Finger“ – steht nun nicht nur auf dem Schild, sondern als namensgebendes Gericht im Mittelpunkt der Küche.

Serviert werden unter anderem Beshbarmak aus Lamm und Rind mit breiten Nudeln und Brühe, Plov, Schaschlik sowie verschiedene gebackene, gedämpfte oder frittierte Teigtaschen. Borschtsch und Soljanka bleiben auf Wunsch vieler Stammgäste erhalten.

Das Beshbarmak kostet laut den aktuellen Angaben 29 Euro, viele Hauptgerichte bewegen sich um 20 Euro, das Mittagsangebot liegt bei 15 Euro.

Kulinarisch ist das für Dresden durchaus spannend. Zentralasiatische Küche ist in der touristischen Innenstadt bislang kaum vertreten.

Doch die Neuausrichtung ist nicht nur gastronomische Experimentierfreude. Sie ist ein letzter Versuch, den Betrieb zu retten.


Fünf Mitarbeiter bereits entlassen

Die Zahlen zeigen, wie ernst die Situation inzwischen ist.

Nach Angaben Olifirenkos gegenüber der Sächsischen Zeitung liegt der Umsatz rund 50 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Fünf Beschäftigte mussten gehen, nur vier Menschen arbeiten noch im Restaurant. Tatjana selbst steht häufig sieben Tage pro Woche im Betrieb.

Hinzu kommen Schulden.

Besonders nachdenklich macht uns ihr Satz:

„Ich will keine Insolvenz anmelden, lieber zahle ich meine Schulden über Jahre ab.“

Ein Verkauf des Restaurants ist inzwischen nicht mehr ausgeschlossen.


Für uns ist diese Geschichte auch persönlich

Die Redaktion von Lust auf Dresden begleitet die Entwicklung der Dresdner Gastronomie und Hotellerie seit vielen Jahren und steht regelmäßig im Austausch mit Gastgebern, Verbänden und Branchenvertretern.

Bei Tatjana reicht dieser Kontakt besonders weit zurück.

Wir haben die verschiedenen Stationen des Aljonuschka erlebt – vom Altmarkt über die Kreuzgasse bis an die Frauenkirche. Wir haben erlebt, wie aus einer kleinen gastronomischen Idee ein bekanntes Restaurant wurde und wie viel persönliche Energie Tatjana in dieses Herzensprojekt gesteckt hat.

Deshalb betrachten wir die aktuelle Situation nicht ausschließlich anhand einer Umsatzkennzahl.

Wir sehen eine Unternehmerin, die mehrfach neu angefangen hat, Standorte wechseln musste, eine Pandemie überstanden hat, anschließend mit den gesellschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges für ein als russisch wahrgenommenes Restaurant konfrontiert wurde und nun versucht, mit einer erneuten konzeptionellen Veränderung wirtschaftlich zu überleben.


Aus einem wichtigen Gästemarkt wurde beinahe ein Totalausfall

Auch wirtschaftlich ist die Entwicklung bemerkenswert.

Von 27.802 russischen Ankünften 2019 auf 1.731 im Jahr 2025: Für Dresden ist ein Gästemarkt, der vor wenigen Jahren noch gezielt angesprochen wurde, praktisch zusammengebrochen.

Für ein Restaurant mit russisch geprägter Küche in unmittelbarer Nähe der Frauenkirche dürfte dieser Wandel besonders spürbar gewesen sein. Dass er den heutigen Umsatzrückgang verursacht hat, lässt sich daraus allein allerdings nicht ableiten.

Genau diese Trennung ist uns wichtig.

Dokumentiert sind die Anfeindungen nach Kriegsbeginn. Dokumentiert ist der massive Rückgang russischer Touristen. Dokumentiert ist die heutige wirtschaftliche Notlage. Wo zwischen diesen Entwicklungen direkte Kausalitäten bestehen, lässt sich ohne betriebswirtschaftliche Zahlen über mehrere Jahre nicht seriös bestimmen.


Für Dresden geht es um mehr als ein einzelnes Restaurant

Aus unserer Sicht zeigt die Geschichte des Beshbarmak exemplarisch, wie empfindlich inhabergeführte Gastronomie auf Veränderungen reagieren kann, die ein einzelner Gastgeber überhaupt nicht beeinflussen kann.

Pandemie, geopolitische Konflikte, veränderte Touristenströme, Inflation, steigende Kosten und sinkende Konsumbereitschaft treffen am Ende einen ganz konkreten Menschen hinter dem Tresen.

Für Dresden bedeutet das: Wenn solche individuellen Restaurants verschwinden, verlieren wir nicht nur gastronomische Betriebe. Wir verlieren Menschen, die mit ihrer Biografie, Küche und Persönlichkeit zur Vielfalt der Stadt beitragen.

Für die Region ist das relevant, weil gerade kleine und inhabergeführte Betriebe kaum Reserven besitzen, um mehrere Krisen nacheinander abzufangen.

Und wir finden noch etwas wichtig: Politische Konflikte dürfen niemals dazu führen, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Sprache oder Küche kollektiv verantwortlich zu machen. Kritik an der russischen Regierung und Solidarität mit der Ukraine schließen einen respektvollen Umgang mit russischen, ukrainischen, kasachischen oder anderen Mitbürgern und Unternehmern nicht aus.

Beshbarmak Dresden

Unser Fazit

Tatjana Olifirenko versucht mit dem Beshbarmak keinen weiteren Neustart. Vielleicht ist die Rückbesinnung auf ihre kasachischen Wurzeln ihre letzte Chance, die das Restaurant jetzt braucht.

Doch die Situation ist ernst.

50 Prozent Umsatzverlust, fünf entlassene Mitarbeiter, Schulden und eine Inhaberin, die inzwischen offen über einen Verkauf spricht, sind mehr als eine gastronomische Randnotiz.

Wir werden die Entwicklung deshalb weiter begleiten – nicht erst, wenn eines Tages ein Schild „geschlossen“ an der Tür hängt.

Denn hinter jedem Restaurant, das verschwindet, steht eine Geschichte. Diese hier kennen wir seit vielen Jahren.


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Diskussionsfrage:

Wie weit dürfen internationale politische Konflikte das gesellschaftliche Verhalten gegenüber Gastronomen und Unternehmern beeinflussen, die mit den Entscheidungen ihrer Herkunftsländer selbst nichts zu tun haben?



Autor:

Dirk Andersch

Redaktion Lust auf Dresden


Quellen: Eigene langjährige redaktionelle Begleitung und Gespräche mit Tatjana Olifirenko; aktuelle Berichterstattung der Sächsischen Zeitung; Landeshauptstadt Dresden; öffentlich dokumentierte frühere Berichterstattung sowie eigene Veröffentlichungen von Lust auf Dresden.

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