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Der Gast - das Merkwürdigste in einem Restaurant.

Aktualisiert: 2. Apr. 2023


Der Gast - das Merkwürdigste in einem Restaurant.
Der Gast - das Merkwürdigste in einem Restaurant.

Dresden, 10.03.2023

Liebe Leser,

völlig neu ist unsere Rubrik "Genuss-Geschichten", die in einer ganz anderen Art auf die Kulinarik in unserer Region blickt und zum Schmunzeln einlädt.

Unser Autor Heinz Kulb lädt Sie in regelmäßigen Abständen zum Lesen dieser kleinen Geschichten ein und freut sich natürlich auch auf Ihr Feedback

 

Der Gast - das Merkwürdigste in einem Restaurant

... oder konkreter gemeint – dessen Magen. Dieses innere Wesen ist ein sehr vornehmer Herr, arrogant und narzisstisch. Zu ihm gelangt man nicht ohne Weiteres. Er ist schwer zu sprechen, weder mittels Telefon noch via Fax, schon gar nicht über eine App oder über WordsApp. Der Herr Magen, den man am besten adlig begegnet, hat nämlich seine Diener. Und die wachen kämpferisch über die Herrschaft. Das sind die fünf Sinne – Sehen, Hören, Berühren, Riechen und Schmecken.


Sehen, Berühren und Hören

Sie melden erst einmal jeden Besuch und fragen diesen nach dem Namen. Diese Hürde muss jede Speisekarte und der Kellner oder die Kellnerin überwinden. Ist diese Mauer so nobel gespickt mit Fremdworten, ist sie für den einen Gast ein Fluchtgrund. Andere macht das neugierig und das Hirn lässt gnädigst den gesamten Körper anfragen, was sich dahinter verberge. Wenn ihm der Serveur, also der Kellner, zum Entree ein Canapé empfiehlt, könnte es sein, dass der nicht des Französischen mächtige Gast aufspringt, seine holde Gattin oder wem auch immer mitreißt, wütend schreit „ich will was essen und kein Sofa kaufen“ und eilig das Etablissement verlässt. Okay, was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Eine Arroganz aus Kreisen, die sich für was Hochwohlgeborenes halten. Aber damit ist man leider schon am ersten Diener des Herrn Magen gescheitert.

Entscheiden sich die Dame und der Herr Gast für die Empfehlung oder für das, was sie zu kennen meinen, dann warten in ihrem Innern die anderen Serviteurs, also die restliche Dienerschaft. Das Auge isst bekanntlich mit. Natürlich nicht im wörtlichen Sinne. Die Zubereitung und das Anrichten auf dem Teller sind die nächste Hürde. Dreckiges Geschirr, zerkratztes Besteck und eine befleckte Tischdecke lassen diesen Diener die Pforten in Richtung Magen schließen.


Riechen und Schmecken

Die Nase schnüffelt, ob der Geruch ein angenehmer oder ein widerlicher ist. Dann kommt der Maître, der Chef. Sein Gebiss und seine Zunge entscheiden letztendlich, ob das Essen zur Herrschaft vorgelassen werden darf. Bleiben beim Zubeißen ein Zahn oder das ganze Gebiss im Braten oder im Brot stecken, dann wars das. Auch das modisch mal am Wasserdampf vorbei gerauschte fast rohe Gemüse lässt dem Maître konsterniert den Mund spitzen und die Augen verdrehen.

Nur mit Mühe und unter vielen Formalitäten gelangt ein Unbekannter ins Vorzimmer und durch einen langen Korridor vor das Angesicht des „Königs“.


Überlistete Sinne

Aber wie das im Leben nun mal so ist, mitunter schläft der königliche Hofstaat, die Leibwache geht spazieren oder besäuft sich im Wirtshaus und die Sicherheitsorgane des Wissens und der Gefühle sind nicht recht bei der Sache. Dann wird der gnädige Herr Magen unangenehm überrascht und steht entsetzt merkwürdigen Subjekten gegenüber, wie Schimmelpilzen, Kolibakterien, gegärtem und verfaultem Irgendwas und stammelt „Wo kommt ihr denn her?“.

Das Problem: Was man einmal im Mund hat, das hat man schon halb im Magen. Und ist der Dieb zur Haustür rein, so kommt er auch in die Stube. Der Fehler war, dass der Hausherr aufgemacht hat. Aber noch sind Hopfen und Malz nicht verloren.


Geheimwaffen

Da hat der gnädigste Herr Magen noch eine Geheimwaffe. Und diese soll schon des Öfteren eingesetzt worden sein. In einem Schnellaufzug werden die ungeladenen Gäste dahin transportiert, wo sie hergekommen waren. Der Teller, gegebenenfalls der Tisch und die Kleidung des Gegenübers ziert dann eine bebilderte Speisekarte.

Sollten sich diese Einbrecher aber so gut getarnt haben, dass sie alle Diener überlisten konnten und auch das Angesicht der Majestät keine Beanstandungen erkannte, dann existiert noch im Verborgenen eine Geheimtruppe. Die befördert dann unter Aufbietung von viel Wasser und der Hilfe anderer Körperorgane in einem rauschenden Abgang das Böse durch den Hinterausgang ins Freie.


Ende gut, alles gut

Und falls diese Geheimtruppe auch versag sollte und der Gast wider Erwartens in die ewigen Jagdgründe entfleucht sein, dann darf der edle Koch und der Herr oder die Dame des Etablissements hoffen, es mit einem Prominenten zu tun gehabt zu haben. Damit ließe sich gut Marketing betreiben. Am Eingang hinge dann das Schild:

„Hier besiegelte der berühmte Gastronomieverkoster der hiesigen Presse, Alois Drücker, mit verzücktem Blick seine Karriere, nach dem er sich unser berühmtes Fondue Bourguignonne munden ließ.“

Damit würde man mit Sicherheit für die hohen Ausgaben zur Wiederherstellung der Restauration entschädigt.

 

Eine GenussGeschichte von Heinz Kulb

Quelle:

Unter Anregung von Texten aus Rudolf Kleinpaul „Gastronomische Märchen“, Leipzig 1893

Sammlung Bibliotheka Gastronomica, SLUB Dresden

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