Dresden: Wenn Urlaub zum Luxus wird – eine Begegnung, die uns nachdenklich macht
- Redaktion
- vor 3 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
Weitere Einordnungen und Entwicklungen der Branche findet ihr in der Region-Radar-Übersicht.

Eigentlich waren wir heute im Montafon unterwegs, um genau das zu genießen, was Urlaub ausmacht: Natur, gutes Essen und für ein paar Stunden einfach abschalten. Auf rund 2.300 Metern Höhe, bei strahlendem Sonnenschein, führte uns unsere Tour zur Wormser Hütte. Knödel, Kaiserschmarrn, ein Radler und dieser gewaltige Blick über die Berge – viel mehr braucht es manchmal nicht.
Doch auf dieser Reise beschäftigt uns auch eine Begegnung, die bereits bei unserer Anfahrt ins Montafon begann. Auf einem Parkplatz in Liechtenstein trafen wir zufällig einen jungen Mann aus dem Raum Freiberg. Was als Gespräch zwischen zwei Sachsen begann, wurde schnell zu einer Geschichte über Arbeit, Geld und Zukunft.
Und aktuelle Zahlen zeigen: Das Gefühl, finanziell immer weniger Spielraum zu haben, betrifft längst Millionen Menschen.
„In Deutschland sehen wir aktuell keine Zukunft“
Wir waren aus Italien über die Schweiz und Liechtenstein auf dem Weg nach Vorarlberg. Bei einem kurzen Zwischenstopp stand neben uns ein Auto mit Freiberger Kennzeichen.
Im Wagen saß ein junger Mann. Schnell war klar: Hier treffen sich zwei waschechte Sachsen.
Wir kamen ins Gespräch.
Der Mann erzählte uns, dass er inzwischen in der Schweiz arbeitet. Nun wolle er seine Frau und die gemeinsamen Zwillinge nachholen und dort mit seiner Familie ein neues Leben beginnen.
Ein Satz aus diesem Gespräch ist uns besonders im Gedächtnis geblieben:
„In Deutschland sehen wir aktuell keine Zukunft.“
Er beschrieb seine persönliche Situation so: Das Geld sei knapp geworden. Komme zusätzlich eine größere Zahnarzt- oder Autorechnung, werde es schwierig. In der Schweiz verdiene er dagegen sehr gut und sehe dort für seine Familie eine echte Chance.
Das ist zunächst die persönliche Einschätzung eines einzelnen Mannes. Sie ist keine Statistik und steht nicht stellvertretend für alle Sachsen.
Aber sie hat uns nachdenklich gemacht.
Denn hinter der Entscheidung stehen eine junge Familie und zwei Kinder. Und zurück bleiben möglicherweise Eltern, Großeltern, Freunde und ein Stück Heimat.
17,3 Millionen Menschen können sich eine Woche Urlaub nicht leisten
Dass finanzielle Spielräume für einen erheblichen Teil der Bevölkerung begrenzt sind, zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes.
21 Prozent der Bevölkerung Deutschlands lebten 2025 in Haushalten, die sich nach eigener Einschätzung keine einwöchige Urlaubsreise leisten konnten. Das entspricht rund 17,3 Millionen Menschen.
Bei Menschen aus dem einkommensschwächsten Fünftel waren es sogar 48 Prozent. Deren Nettoäquivalenzeinkommen lag bei maximal rund 1.600 Euro monatlich. Im nächsten Einkommensfünftel zwischen rund 1.600 und 2.100 Euro konnten sich 28 Prozent keine einwöchige Reise leisten.
Das bedeutet umgekehrt natürlich auch: Eine große Mehrheit kann sich eine solche Reise leisten.
Aber 17,3 Millionen Menschen, für die bereits eine Woche Urlaub finanziell nicht möglich erscheint, sind keine Randerscheinung.
Und für Gastronomie, Hotellerie und Tourismus ist diese Entwicklung unmittelbar relevant.
Noch deutlicher wird es bei der unerwarteten Rechnung
Besonders an das Gespräch mit dem jungen Sachsen mussten wir denken, als wir eine weitere Zahl gesehen haben.
Er hatte uns sinngemäß gesagt: Solange alles normal läuft, geht es irgendwie. Kommt aber eine Zahnarzt- oder Autorechnung dazu, reicht das Geld schnell nicht mehr.
2025 lebten in Deutschland 31,9 Prozent der Bevölkerung in Haushalten, die eine größere unerwartete Ausgabe nach eigener Einschätzung nicht aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten konnten.
Fast jeder Dritte.
Das erklärt möglicherweise besser als manche abstrakte Konjunkturzahl, warum Menschen trotz Arbeit das Gefühl entwickeln können, wirtschaftlich nicht wirklich voranzukommen.
Es geht nicht zwangsläufig darum, dass das monatliche Einkommen überhaupt nicht reicht.
Es geht um den fehlenden Puffer.
Die Autoreparatur. Eine unerwartete Rechnung. Eine kaputte Waschmaschine. Und eben auch die Frage, ob nach den laufenden Kosten noch genügend Geld für Restaurant, Kurzurlaub oder Sommerferien vorhanden ist.
Preise liegen deutlich höher als noch 2020
Hinzu kommt die Preisentwicklung der vergangenen Jahre.
Der Verbraucherpreisindex lag 2025 bei 121,9 Punkten, wenn das Jahr 2020 mit 100 angesetzt wird. Das Preisniveau lag damit rechnerisch rund 21,9 Prozent über dem Niveau von 2020.
Bei Lebensmitteln fällt der Unterschied noch größer aus. Der entsprechende Index lag 2025 bei 136,2 Punkten.
Dabei ist wichtig: Die Inflation hat sich inzwischen deutlich abgeschwächt. 2025 stiegen die Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt um 2,2 Prozent, nach 2,2 Prozent 2024, 5,9 Prozent 2023 und 6,9 Prozent 2022.
Sinkende Inflation bedeutet jedoch nicht, dass die Preise wieder auf das frühere Niveau zurückkehren.
Sie steigen lediglich langsamer.
Genau diesen Unterschied spüren Verbraucher beim Blick auf ihr Konto.
Restaurant und Hotel: 31,7 Prozent über dem Niveau von 2020
Für unsere Branche ist eine Zahl besonders interessant.
Der Preisindex für Gaststätten- und Beherbergungsdienstleistungen erreichte 2025 einen Wert von 131,7 Punkten gegenüber 100 im Jahr 2020.
Rechnerisch entspricht das einem Anstieg von 31,7 Prozent innerhalb von fünf Jahren.
Das bedeutet nicht, dass Gastronomen ihre Preise beliebig erhöht hätten. Im Gegenteil: Auch die Betriebe mussten erhebliche Kostensteigerungen bei Waren, Personal, Energie und anderen Betriebsausgaben verkraften.
Doch aus Sicht des Gastes bleibt das Ergebnis dasselbe:
Essen gehen und Reisen kosten heute deutlich mehr als vor wenigen Jahren.
Und damit geraten genau jene Ausgaben unter Druck, die nicht zwingend notwendig sind.
Heute auf 2.300 Metern merkt man, welchen Wert solche Momente haben
Vielleicht hat uns deshalb der heutige Tag besonders beschäftigt.
Oben an der Wormser Hütte war von all diesen Zahlen zunächst nichts zu spüren.
Sonne pur. Berge ringsum. Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen. Eine typische Hütteneinkehr mit Knödel und Kaiserschmarrn. Dazu ein Radler.
Natur mit Genuss – für uns ist genau das Urlaub.
Und trotzdem bekommt so ein Tag eine andere Bedeutung, wenn man weiß, dass sich Millionen Menschen in Deutschland eine Woche Urlaub überhaupt nicht leisten können.
Wir wollen daraus kein schlechtes Gewissen ableiten. Im Gegenteil.
Wer reisen kann, soll diese Zeit genießen.
Aber vielleicht sollten wir uns wieder stärker bewusst machen, dass Urlaub, Gastronomie und Freizeit für einen erheblichen Teil der Bevölkerung inzwischen keine selbstverständlichen Bestandteile des Jahres mehr sind.
Sachsen: Mehr Auspendler und weniger Beschäftigte
Auch die Entwicklung des sächsischen Arbeitsmarktes verdient in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit – ohne daraus vorschnell eine direkte Verbindung zu unserer Begegnung herzustellen.
Zum 30. Juni 2025 zählte Sachsen 160.012 sozialversicherungspflichtige Auspendler. Das waren 1,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig kamen 144.747 Menschen zum Arbeiten nach Sachsen. Der Auspendlerüberschuss lag damit bei gut 15.000 Beschäftigten.
Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort Sachsen sank gegenüber dem Vorjahr um 0,8 Prozent auf rund 1,625 Millionen.
2025 waren im Jahresdurchschnitt außerdem 148.747 Menschen arbeitslos, 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der gemeldeten Arbeitsstellen sank gleichzeitig um 12,1 Prozent auf 30.866.
Das bedeutet keineswegs, dass Sachsen seine Arbeitskräfte massenhaft an die Schweiz verliert. Dafür liefern diese Daten keinen Beleg.
Aber sie zeigen einen Arbeitsmarkt, bei dem sich Veränderungen bemerkbar machen.
Wenn Menschen nicht nur den Arbeitgeber, sondern das Land wechseln
Genau deshalb hat uns die Begegnung in Liechtenstein beschäftigt.
Der junge Mann wechselte nicht einfach den Betrieb.
Er möchte seine Frau und seine beiden Kinder in die Schweiz holen.
Aus einer beruflichen Entscheidung wird damit eine familiäre Entscheidung.
Und für eine Region bedeutet jeder dauerhafte Wegzug potenziell mehr als den Verlust einer Arbeitskraft: Familien verlagern ihren Lebensmittelpunkt, Kinder wachsen anderswo auf und Kaufkraft wird an einem anderen Ort ausgegeben.
Natürlich ziehen Menschen seit Generationen dorthin, wo sie bessere berufliche Chancen sehen. Das ist weder neu noch grundsätzlich negativ.
Problematisch wird es aus unserer Sicht dann, wenn Menschen ihre Heimat verlassen, obwohl sie eigentlich gern bleiben würden, weil sie für sich wirtschaftlich keine Perspektive mehr sehen.
Was hat das mit Dresdens Gastronomie zu tun?
Sehr viel.
Gastronomie und Tourismus leben von verfügbarem Einkommen.
Wenn nach Miete, Lebensmitteln, Energie, Mobilität und Versicherungen weniger übrig bleibt, werden Restaurantbesuche, Wochenendausflüge und Urlaubsreisen schneller hinterfragt.
Der Gast verzichtet vielleicht nicht vollständig.
Aber er kommt einmal statt zweimal. Er bestellt anders. Er fährt drei Tage statt einer Woche. Oder er bleibt ganz zu Hause.
Wir sehen deshalb die Entwicklung der privaten Kaufkraft als eine der entscheidenden Fragen für Gastronomie und Tourismus der kommenden Jahre.
Die Betriebe können ihre eigenen Kosten nicht ignorieren. Gleichzeitig können Gäste steigende Preise nicht unbegrenzt auffangen.
Dazwischen entsteht ein Spannungsfeld, das wir in der Branche immer deutlicher beobachten.
Für Dresden geht es auch um Lebensqualität
Für Dresden bedeutet das, dass wirtschaftliche Attraktivität nicht allein daran gemessen werden kann, wie viele Unternehmen sich ansiedeln oder wie viele Touristen die Stadt besuchen.
Entscheidend ist ebenso, ob Menschen mit ihrem Einkommen gut leben können und eine Perspektive für ihre Familie sehen.
Für die Region ist das relevant, weil gerade Sachsen Fachkräfte benötigt. Wenn gut ausgebildete Menschen anderswo deutlich bessere wirtschaftliche Chancen sehen und ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft verlagern, verschärft das langfristig die Herausforderungen für Unternehmen und Gesellschaft.
Die Redaktion von Lust auf Dresden begleitet die Entwicklung der Dresdner Gastronomie und Hotellerie seit mehreren Jahren und steht regelmäßig im Austausch mit Betrieben, Verbänden und Branchenvertretern.
Wir hören dabei beide Seiten.
Betriebe berichten von steigenden Kosten und der Schwierigkeit, wirtschaftlich tragfähige Preise durchzusetzen.
Gäste wiederum achten stärker darauf, was sie für ihr Geld bekommen.
Beide Perspektiven sind nachvollziehbar.
Unser Fazit: Zwischen Kaiserschmarrn und einer Frage, die bleibt
Heute saßen wir auf rund 2.300 Metern Höhe in der Sonne, vor uns Knödel und Kaiserschmarrn und ringsum die Berge.
Ein perfekter Urlaubstag.
Und vielleicht war gerade deshalb der Kontrast zu unserer Begegnung auf dem Weg ins Montafon so groß.
Ein junger Sachse sitzt auf einem Parkplatz in Liechtenstein und erzählt uns, dass er seine Frau und seine Zwillinge in die Schweiz holen möchte, weil er dort für seine Familie bessere wirtschaftliche Chancen sieht.
Das ist eine einzelne Geschichte.
17,3 Millionen Menschen, die sich keine Woche Urlaub leisten können, und 31,9 Prozent, denen das Geld für größere unerwartete Ausgaben fehlt, sind dagegen Statistik.
Beides sollte man nicht miteinander verwechseln.
Aber zusammen erzählt es etwas über eine Stimmung, die wir ernst nehmen sollten.
Aus unserer Sicht reicht es nicht, nur darüber zu diskutieren, ob die Inflation wieder bei zwei oder drei Prozent liegt. Entscheidend ist, wie viel finanzieller Spielraum den Menschen tatsächlich bleibt.
Denn Lebensqualität bedeutet eben auch, nach einer Autoreparatur nicht schlaflos zu werden. Mit den Kindern einmal im Jahr verreisen zu können. Gelegentlich essen zu gehen.
Oder einfach auf einer Berghütte zu sitzen, einen Kaiserschmarrn zu teilen und für einen Moment zu sagen:
Gott, was willst du mehr?
Wir bleiben an der Entwicklung dran – gerade weil Kaufkraft, Arbeitsmarkt, Gastronomie und Tourismus viel enger miteinander verbunden sind, als es auf den ersten Blick scheint.
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Diskussionsfrage:
Spürt ihr selbst, dass trotz Arbeit weniger finanzieller Spielraum für Urlaub, Restaurantbesuche und unerwartete Ausgaben bleibt – oder erlebt ihr die wirtschaftliche Situation anders?
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Autor:
Dirk Andersch
Redaktion Lust auf Dresden
Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis), Statistisches Landesamt Sachsen sowie eigene Vor-Ort-Beobachtungen und Gespräch während unserer Reise.








