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Gaschurn: Wo Bundeskanzler, Spitzenköche und Matthias Reim ihre Spuren hinterließen

Restaurant & Bar Alt Montafon
Restaurant & Bar Alt Montafon

Eigentlich wollten wir auf unserer Radtour durchs Montafon nur etwas essen. Käsespätzle, Rösti mit Spiegelei, eine Pause und dann weiter. Doch aus unserem Mittagessen im Restaurant Alt Montafon in Gaschurn wurde eine Reise durch mehr als fünf Jahrzehnte Gastronomiegeschichte – mit einem rund zehn Kilogramm schweren Gästebuch, internationalen Spitzenköchen, Politikern, Musikern und einem Gastgeber, dessen Geschichte bis nach Washington führt.


Gästebuch

Manchmal findet man Geschichten, ohne nach ihnen zu suchen

Wir sind mit den Fahrrädern von Tschagguns in Richtung Gaschurn unterwegs. Ein herrlicher Radweg durchs Montafon, Berge ringsum, Sommerwetter – und irgendwann Hunger.

Also halten wir mittags beim Restaurant Alt-Montafon in Gaschurn.

Käsespätzle für den einen, Rösti mit Spiegelei für den anderen.

Bis dahin ist es ein schöner, aber zunächst ganz normaler Restaurantbesuch.

Doch schon die Räume machen neugierig.

Holz, alte Möbel, Bilder und Erinnerungsstücke. Vor allem Uhren. Überall Uhren. Dazu zahllose Gegenstände aus vergangenen Zeiten, manche vielleicht 100, andere womöglich 200 Jahre alt.

Nicht als durchgestyltes Retro-Konzept.

Das hier ist tatsächlich alt.

Und genau das macht den Unterschied.

Das Haus selbst beschreibt sich heute als Traditionshaus und spricht von „Geschichten und bedeutsamen Begegnungen“ sowie ausgezeichneter Gastronomie. Nach unserem Besuch wissen wir: Das ist keineswegs übertrieben.

Dann erzählt uns der junge Mann vom Michelin-Stern

Bedient werden wir von einem jungen Mann, mit dem wir ins Gespräch kommen.

Irgendwann erzählt er, das Alt Montafon sei früher mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet gewesen – möglicherweise sogar das erste oder einzige Restaurant im Montafon mit dieser Auszeichnung.

Bei den Einzelheiten ist er sich selbst nicht sicher.

Also beginnen wir später zu recherchieren.

Einen belastbaren historischen Nachweis für einen Michelin-Stern des Alt Montafon selbst haben wir bislang nicht gefunden. Deshalb machen wir aus einer schönen Erzählung keine Tatsache.

Was wir stattdessen finden, ist fast interessanter.

Denn der Name Bereiter führt mitten hinein in die internationale Spitzengastronomie der 1970er- und 1980er-Jahre.


Willy Bereiter – der Mann hinter dem Alt Montafon

Immer wieder begegnet uns im Gästebuch ein Name:

Willy Bereiter.

Er war offenbar weit mehr als der Wirt eines Gasthauses in einem Vorarlberger Bergdorf.

Eine historische Veröffentlichung zur Vorarlberger Küche bezeichnet ihn ausdrücklich als den „Montafoner Gastronom Willy Bereiter vom bekannten Alt-Montafon in Gaschurn“. Darin erzählt Bereiter von der traditionellen Zubereitung des Riebels im Montafon und von alten Essgewohnheiten auf den Alpen.

Das ist interessant, weil es zeigt, dass Bereiter einerseits tief in der regionalen Küche verwurzelt war.

Andererseits dachte er gastronomisch offenbar ausgesprochen international.

Und dafür finden wir in seinem Gästebuch einen bemerkenswerten Beleg.


Willy Bereiter
Willy Bereiter

1975: Vom Montafon nach Washington

Zwischen Fotos, Widmungen und Zeitungsausschnitten liegt eine Speisekarte.

Darüber vier Flaggen – Schweiz, Österreich, Italien und eine weitere regionale bzw. nationale Zuordnung – und in großen roten Buchstaben:

ALPINE EXPERIENCE – FESTIVAL MENU

Darunter:

Les Champs Restaurant – Sunday, October 4 until Sunday, November 2, 1975.

Washington.


Und plötzlich bekommt ein Satz aus Willy Bereiters handschriftlichem Eintrag eine Bedeutung, der uns zunächst rätselhaft erschien.

Dort erwähnt er seine „ALPINE EXPERIENCE“ in Washington.

Die Speisekarte liefert den Kontext.

Serviert wurde ein kulinarischer Querschnitt durch den Alpenraum: Wiener Leberknödelsuppe, Bündnerfleisch, Zürcher Geschnetzeltes, Gulasch, Sauerbraten, Schweinshaxe, Wild, Linzer Torte, Sachertorte, Apfelstrudel und weitere Spezialitäten.

Eine Art kulinarische Alpenbotschaft in den USA.

Und das fast ein halbes Jahrhundert bevor Begriffe wie Regionalität, Culinary Tourism oder Food Experience zum Marketingvokabular des Tourismus wurden.


Sein fünftes Gästebuch – schon 1975

Besonders beeindruckt uns deshalb die erste Seite des schweren Buches.

Willy Bereiter schreibt dort im November 1975 sinngemäß, dieses sei bereits sein fünftes Gästebuch und für ihn die beste Dokumentation der Arbeit seiner Familie in der Gastronomie.

Das muss man sich einmal vorstellen.

Wir blättern 2026 durch ein Buch, das ein Gastronom vor mehr als 50 Jahren bewusst als Dokument seiner Arbeit angelegt hat.

Und es war bereits Nummer fünf.

Bereiter sammelte keine Autogramme, um irgendwann eine prominente Wand im Restaurant zu dekorieren.

Er archivierte sein gastronomisches Leben.


1978 beginnt ein neues Kapitel

Eine weitere vergilbte Anzeige im Gästebuch führt uns zum Januar 1978.

„Restaurant Alt Montafon – Gaschurn, neu eröffnet!“

steht darüber.

Nach dreimonatiger Bauzeit habe man ein neues Restaurant und weitere Verbesserungen geschaffen. Gedankt wird unter anderem Architekt Helmut Rainer und den beteiligten Firmen.

Offiziell eröffnet werden sollte zum Hausball-Wochenende am 20. und 21. Jänner 1978.

Für Stimmung sorgten „Die Laizachtaler“.

Unterzeichnet:

Familie Bereiter.

Das Gästebuch dokumentiert damit nicht nur prominente Besucher.

Es dokumentiert Umbauten, Neueröffnungen, Familiengeschichte und die Entwicklung eines gastronomischen Betriebes.


Und die Bereiters waren schon vorher da

Eine aufwendig gestaltete Urkunde aus dem April 1980 führt noch weiter zurück.

„Für freyfröhlich Bewirthung mit gut Speis und Trankh“ wird darin der Familie Bereiter und dem Alt-Montafon gedankt.

Entscheidend sind drei Worte:

„jetzig schon zehn Jahr lang“

Wenn die Angabe stimmt, reicht diese Ära des Hauses mindestens bis etwa 1970 zurück.

Damit schauen wir beim Blättern nicht auf ein paar schöne Erinnerungen.

Wir schauen auf ein halbes Jahrhundert Familien- und Gastronomiegeschichte.


Das Alt Montafon wird Treffpunkt der Kochkunst

Besonders spannend ist ein alter Zeitungsausschnitt mit der Überschrift:

„Gaschurn: Alt Montafon im Blickpunkt der Kochkunst“

Darauf stehen Männer mit schweren gastronomischen Ehrenketten zusammen.

Im Text tauchen Willy Bereiter und sein Sohn Konrad auf.

Konrad richtete demnach ein zweites Diner aus, bei dem sich renommierte Gastronomen trafen.

Damit wird sichtbar, was das Alt Montafon damals gewesen sein muss:

nicht nur ein Restaurant für Urlauber, sondern ein Treffpunkt der Gastronomieszene.


Felix Real und die großen Namen der europäischen Gastronomie

Einer der Namen in den Unterlagen ist besonders interessant: Felix Real aus Vaduz.

Real war einer der Pioniere der gehobenen Gastronomie Liechtensteins. Nach Ausbildung und Stationen unter anderem im Maxim's in Paris entwickelte er den Familienbetrieb in Vaduz zu einem international bekannten Gourmetrestaurant.

Und bei ihm lässt sich die Auszeichnung tatsächlich nachweisen:

ein Michelin-Stern und 17 Punkte im Gault Millau. 

Real beeinflusste eine ganze Generation von Spitzenköchen. Auch der später mit Michelin-Stern und 17 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnete Schweizer Koch Seppi Kalberer absolvierte seine Lehre bei ihm.

Vielleicht liegt hier auch der Ursprung der Michelin-Erzählung, die sich bis heute im Alt Montafon gehalten hat.

Denn Willy Bereiter bewegte sich offensichtlich in genau dieser gastronomischen Welt.


Kreisky, Kohl, Dalí, Diana – aber wir müssen genau hinschauen

Auf einer der Seiten finden wir eine beeindruckende Aufzählung:

Bruno Kreisky, Fürst Franz Josef II., Edward Heath, Zarah Leander, Plácido Domingo, Salvador Dalí, Helmut Kohl, Lady Diana, Prinz Charles und weitere Namen.

Doch gerade hier zeigt sich, warum ein solches Gästebuch journalistisch spannend ist und zugleich sorgfältig gelesen werden muss.

Der Zeitungstext beschreibt an dieser Stelle offenbar Felix Reals Gästebuch und dessen internationale Gäste.

Wir können deshalb aus diesem Ausschnitt nicht schließen, dass Salvador Dalí, Diana oder Prinz Charles im Alt Montafon gegessen haben.

Andere prominente Begegnungen des Hauses sind dagegen unmittelbar dokumentiert.

Und eine davon kennen vermutlich fast alle Leser.


„Verdammt, ich lieb dich“ – Matthias Reim in Gaschurn

Auf einer späteren Seite blickt uns ein junger Matthias Reim entgegen.

Darunter seine Unterschrift.

Und darunter wiederum ein Zeitungsausschnitt:

„Der neue Star der deutschen Musikszene, Matthias Reim, weilte in Gaschurn: Herzliche Freundschaft besiegelt“

Reim war zum Ausspannen und Skifahren in Gaschurn.

Der Artikel berichtet von seiner Freundschaft mit Conny Bereiter und davon, dass man sich vor Reims Abreise noch einmal im Restaurant Alt Montafon traf.

Das dürfte Anfang der 1990er-Jahre gewesen sein – genau in jener Phase, in der „Verdammt, ich lieb' dich“ Matthias Reim zum Superstar machte.

Auf dem Foto sitzen sie gemeinsam am Tisch, Gläser in der Hand.

Keine inszenierte Promiwand.

Ein Abend unter Freunden.

Und genau deshalb wirkt dieses Gästebuch so authentisch.


Ein Haus als gesellschaftliches Gedächtnis

Wir blättern weiter.

Politiker.

Musiker.

Sportler.

Köche.

Freunde.

Familienmitglieder.

Zeitungsausschnitte.

Urkunden.

Menükarten.

Baugeschichte.

Fotos.

Tod und Abschied.

Irgendwann vergessen wir unsere Fahrräder draußen.

Aus dem Mittagessen ist eine kleine Zeitreise geworden.

Und plötzlich verstehen wir auch die Einrichtung des Restaurants anders.

Die alten Uhren, Möbel und Gegenstände sind keine Dekoration für Touristen.

Sie gehören zu dieser Geschichte.

Das Alt Montafon ist Restaurant und Archiv zugleich.


Und genau deshalb beschäftigt uns die Gegenwart

Denn irgendwann sprechen wir mit unserem jungen Gastgeber darüber, wie es der Gastronomie heute geht.

Und dabei hören wir etwas, das uns auf unseren Reisen inzwischen immer wieder begegnet.

Das traditionelle Wirtshaus hat es schwer.

Wir haben es in Oberösterreich beobachtet, in Kärnten und in der Steiermark. Jetzt begegnet uns das Thema auch in Vorarlberg.

Häuser schließen.

Familien geben auf.

Nachfolger fehlen.

Öffnungszeiten werden reduziert.

Und manche jahrzehntealte gastronomische Geschichte endet mit einer letzten Sperrstunde.

Unsere Beobachtung ist keineswegs nur ein Reiseeindruck.

Im April 2026 berichtete der ORF über das Wirtshaussterben in Kärnten. Dort gibt es zwar noch rund 3.500 Gastronomiebetriebe, doch gerade in kleinen Landgemeinden verschwinden klassische Gasthäuser; häufig findet sich kein Nachfolger. Ein Kärntner Gastronom untersucht inzwischen sogar im Rahmen seiner Masterarbeit, warum Betriebsübernahmen scheitern.

Auch in Oberösterreich ist die Situation inzwischen Thema auf Branchenebene. Dort wurde Anfang 2026 erstmals ein Dringlichkeitsantrag in der Fachgruppe Gastronomie eingebracht, um die traditionelle Wirtshauskultur zu stärken. Als Probleme werden unter anderem Kosten, Bürokratie und fehlende Nachfolger genannt.

Und selbst die Wirtschaftskammer spricht ausdrücklich davon, die österreichische Wirtshauskultur bewahren und dem „Wirtshaussterben“ entgegenwirken zu wollen.


Nachfolge ist längst ein strukturelles Problem

Das österreichische Wirtschaftsministerium bestätigt einen wichtigen Teil unserer Beobachtung: Während in der Hotellerie Unternehmensnachfolger überwiegend aus der Familie kommen, werden Gastronomiebetriebe mehrheitlich an externe Personen übergeben.

Das verändert die Gastronomie.

Und auf unseren Reisen sehen wir die Folgen ganz praktisch.

Wo früher ein österreichisches Wirtshaus war, befindet sich nach einem Betreiberwechsel mitunter eine Pizzeria oder ein anderes internationales Restaurant. Gesprächspartner berichten uns dabei von neuen Betreibern mit Wurzeln beispielsweise in Tunesien, Afghanistan oder Algerien.

Wir wollen daraus ausdrücklich keine Wertung über die Herkunft der neuen Gastronomen machen.

Im Gegenteil: Wenn jemand ein geschlossenes Gasthaus übernimmt, investiert, Arbeitsplätze schafft und wieder Gäste bewirtet, hält er zunächst Gastronomie am Standort am Leben.

Die interessante Frage ist eine andere:

Warum gelingt es immer seltener, das traditionelle Wirtshausmodell selbst weiterzugeben?


Vielleicht sind die alten Gastronomen auch an ihrem eigenen Erfolg gewachsen

Beim Blick auf Willy Bereiters Gästebuch entsteht noch ein anderer Gedanke.

1975 reist ein Gastronom aus Gaschurn nach Washington und präsentiert Alpenküche.

1978 baut die Familie ihr Restaurant um.

Spitzenköche treffen sich im Haus.

Internationale Kontakte werden gepflegt.

Der Sohn arbeitet mit.

Prominente Gäste kommen.

Und gleichzeitig bleibt das Restaurant im Dorf verwurzelt.

Das war Unternehmertum.

Vielleicht romantisieren wir das alte Wirtshaus manchmal zu sehr. Auch damals musste investiert, gearbeitet, gereist, kalkuliert und ständig etwas Neues ausprobiert werden.

Der Unterschied könnte vielmehr darin liegen, dass das Wirtshaus für viele Betreiber Lebensmittelpunkt war.

Nicht Job.

Nicht Investment.

Nicht Gastro-Konzept.

Lebenswerk.


Und dann sitzen wir 2026 wieder vor unseren Käsespätzle

Mehr als 50 Jahre nach Willy Bereiters Reise nach Washington sitzen wir im selben Haus.

Käsespätzle.

Rösti.

Spiegelei.

Eigentlich nichts Spektakuläres.

Und vielleicht gerade deshalb passend.

Denn während sich die Spitzengastronomie ständig neu erfinden muss, erzählen solche Gerichte von etwas anderem: Beständigkeit.

Das heutige Alt Montafon bezeichnet sich selbst noch immer als Traditionshaus, in dem Gastlichkeit, Wurzeln und Geschichte zusammengehören.

Dass das Haus bis heute gastronomisch genutzt wird, ist deshalb keineswegs selbstverständlich.


Was bleibt?

Wir fahren irgendwann weiter.

Doch dieses Restaurant nehmen wir gedanklich mit.

Nicht wegen eines möglichen Michelin-Sterns.

Nicht wegen Matthias Reim.

Nicht wegen Bundeskanzlern oder Spitzenköchen.

Sondern wegen dieses riesigen Buches.

Weil darin sichtbar wird, was verloren geht, wenn ein traditionsreiches Wirtshaus für immer schließt.

Ein Restaurant lässt sich neu eröffnen.

Eine Küche lässt sich einbauen.

Alte Möbel kann man kaufen.

Eine Pizzeria kann genauso herzlich geführt werden wie ein österreichisches Gasthaus.

Aber 50 Jahre Erinnerungen kann niemand eröffnen.

Sie müssen entstehen.

Abend für Abend.

Gast für Gast.

Generation für Generation.

Vielleicht ist das die eigentliche Besonderheit des Alt Montafon.

Wir wollten auf unserer Radtour nur Mittag essen.

Gefunden haben wir ein Stück europäischer Gastronomiegeschichte.

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